Buchbesprechung: „Der Rhein“

Rezension: „Der Rhein. Biographie eines Flusses“

Titelbild des Buches von Hans Jürgen Balmes: Der Rhein - Umschlaggestaltung: hißmann, heilmann, hamburg - Umschlagabbildung: Joseph Mallord William Turner, Pfalz / Agnew's London / Bridgeman Images - Foto: Stefan Frerichs / RheinWanderer.de

Titelbild des Buches von Hans Jürgen Balmes: Der Rhein

Am 28. April 2021 ist das Buch von Hans Jürgen Balmes „Der Rhein. Biographie eines Flusses“ erschienen. Ich wurde über eine Agentur dazu eingeladen, dieses Buch zu rezensieren. Hierfür wurde mir vom Verlag ein Exemplar kostenlos zur Verfügung gestellt.

Dessen ungeachtet schreibe ich hier nur meine persönliche und ehrliche Meinung und gebe nur meine eigenen Eindrücke und Erfahrungen wieder. Autor, Agentur und Verlag nehmen keinen Einfluss auf diesen oder andere Artikel bei RheinWanderer.de.

„Etwas Neues von Anfang bis Ende zu erfahren“

Manchmal besucht uns mitten im Leben der Wunsch, etwas Neues von Anfang bis Ende zu erfahren und es so auf einer Skizze, einer Wegzeichnung festzuhalten.“ (S. 11) Bereits diese ersten Worte des Buches von Hans Jürgen Balmes sprechen mich stark an. Ich habe nämlich mit meinem Blog RheinWanderer.de vor einigen Jahren selbst begonnen, den Rhein, seine Nebenflüsse und die umliegenden Berge als größtenteils etwas Neues möglichst von Anfang bis Ende zu erkunden.

Und so folge ich dem Autor auf die lange Reise mit der Strömung des Wassers und durch den Strom der Zeit. Dabei holt Balmes weit aus: Bereits am Anfang nimmt er die Leserinnen und Leser mit zum Unesco-Weltnaturerbe Grube Messel nordöstlich von Darmstadt und in eine Zeit vor 48 Millionen Jahren – also räumlich etwa 30 Kilometer vom Rhein entfernt und zeitlich rund 20 Millionen Jahre vor dessen Entstehung. Was Balmes von dort zu erzählen weiß, ist nicht uninteressant, aber schon dieses Kapitel wirkt auf mich etwas willkürlich.

Sprünge und Exkurse

Der Autor folgt mit seinem Buch grundsätzlich dem Lauf des Rheins von den Quellen in den Alpen bis zum Mündungsdelta an der Nordsee. Allerdings macht er auf diesem Weg vom Vorder- und Hinterrhein, über den Alpen- und Hochrhein sowie den Ober-, Insel-, Mittel- und Niederrhein bis zum Delta und der Mündung immer wieder räumliche Sprünge und inhaltliche Exkurse (beispielsweise über William Turner oder die Kornsandmorde), die an ihren jeweiligen Stellen im Buch beliebig wirken. Mich haben diese Brüche irritiert und immer wieder aus dem Lesefluss gerissen.

In den Alpen erkundet Balmes gleich auf mehreren Wanderungen die verschiedenen Quellen des Rheins, wobei der traditionell als Rheinquelle geltende Tomasee natürlich nicht fehlt. Dabei erfährt man viel über die geologische Geschichte der alpinen Rheintäler (Vorder- und Hinterrhein flossen früher ins heutige Donautal) sowie die ökologischen Auswirkungen von Klimawandel und Wasserwirtschaft (vom Tomasee wird das Wasser durch einen Stollen zu einem Kraftwerk umgeleitet). Diese Mischung aus persönlichen Erlebnissen des Autors und erläuternden Tatsachen sind sehr lehrreich, obwohl es mir hier ebenfalls schwer fiel, den räumlichen Sprüngen des Textes zu folgen.

Interessant fand ich zunächst auch, was der Autor in einem weiteren Exkurs über seine Begegnungen mit Anselmo Gadola und dessen Thesen über Schalensteine erzählt. Aber anders als Balmes suggeriert sind Schalensteine keine Besonderheit des Alpenraums. Sie sind nicht nur „verstreut in beinahe allen Alpentälern“ (S. 56), sondern auch in Frankreich, Deutschland, Skandinavien und im Baltikum zu finden. Die von Gadola vertretene kultastronomische Deutung der Schalensteine, wonach Verbindungslinien zwischen ihnen ein riesiges hexagonales Koordiantensystem über die Alpenlandschaft legen, gilt in Fachkreisen als widerlegt. Ich hätte hier eine entsprechende Einordnung erwartet.

Geologie und Ökologie

Seine stärksten Passagen hat das Buch, wenn uns Hans Jürgen Balmes auf verschiedene Reisen auf dem oder am Fluss mitnimmt: Wenn man historischen Persönlichkeiten folgt – wie den niederländischen Malern Jan Hackaert und Willem Schellinks am Hinter- und Oberrhein sowie ihrem berühmteren englischen Kollegen William Turner am Mittelrhein. Oder wenn man den Autor selbst begleitet – im Faltboot am Hoch- und Oberrhein oder zu Fuß am Mittel- und Niederrhein. Stets gelingt es Balmes mit seiner poetischen Sprache die Besonderheiten der jeweiligen Flusslandschaften spürbar zu machen.

Weitere Stärken des Buches sind Erläuterungen zur Geologie und Ökologie des Rheins im Lauf seiner Geschichte. So gelingt es Balmes beispielsweise, den Flimser Bergsturz am Vorderrhein vor fast 9.500 Jahren, den Laacher Vulkanausbruch am Mittelrhein vor rund 13.000 Jahren und die Elisabethenflut am Delta von 1421 sowie deren bis heute sichtbaren Folgen anschaulich zu beschreiben. (Das verheerende Magdalenenhochwasser von 1342 mit zehntausenden Toten spart er zu meiner Überraschung aus.)

Ebenso interessant sind seine Ausführungen über Wanderfische (wie Lachse oder Maifische) sowie Zugvögel (wie verschiedene Seeschwalbenarten). Anhand solcher Beispiele erläutert der Autor wie Flussbegradigungen und Staustufen, industrielle Abwässer und intensive Landwirtschaft ganze Ökosysteme am Rhein zerstört und zahlreiche Arten ausgerottet haben. Aber er weiß ebenso anschaulich zu berichten, wie lohnenswert der Schutz naturnaher Flusslandschaften ist, und er zeigt dies beispielhaft mit Beschreibungen der Kühkopf-Knoblochsaue am Oberrhein oder des Bienener Altrheins am Niederrhein.

Rheingrenze und Rheinland

Dagegen sind politische Betrachtungen in dem Buch selten. Das muss kein Fehler sein, wenn Balmes wirklich nur unpolitisch „eine poetische Natur- und Kulturgeschichte über den Rhein und die Seele einer Landschaft“ (Umschlagtext) hätte schreiben wollen. Umso auffälliger ist dann allerdings der Satz „Der Rhein war den Deutschen […] immer auch die Schwelle zu einer Expansion gen Frankreich.“ (S. 322)

Diese Behauptung ist unsinnig, vor allem wenn sie mit der Blücher-Statue in Kaub, dem Niederwalddenkmal bei Rüdesheim und dem Lied „Die Wacht am Rhein“ belegt wird. Das Lied wurde von Max Schneckenburger unter dem Eindruck der Rheinkrise von 1840 geschrieben und hat in seinen ursprünglichen sechs Strophen einen defensiven und keinen expansiven Charakter. Entsprechend hat das Niederwalddenkmal auch nicht den Sieg über Frankreich 1870/71 zum Thema, sondern die Reichsgründung und den erlangten Frieden.

Auch das Denkmal für den preußischen Generalfeldmarschall Blücher in Kaub, das an seinen dortigen Rheinübergang während der Befreiungskriege erinnert, taugt nicht als Beispiel einer deutschen Expansionspolitik gegen Frankreich. Im Gegenteil: Napoleon I. hatte es sogar nach seiner Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig noch abgelehnt, den im Frankfurter Memorandum angebotenen Frieden mit der Rheingrenze zu akzeptieren. Auch unter der Herrschaft seines Neffen Napoleon III. verfolgte Frankreich eine imperiale Expansionspolitik, die in Europa nicht bloß auf Deutschland abzielte, sondern auch auf Italien (1860), Luxemburg (1867) und Belgien (1869). Diese Politik führte zum von Napoleon III. angestrebten (und von Bismarck provozierten) deutsch-französischen Krieg 1870/71 mit all seinen Folgen.

Ich frage mich, weshalb der Autor nicht anhand der Rheingrenze und der Rheinlandbesetzungen das deutsch-französische Verhältnis genauer beleuchtet hat. Sogar bei der ausführlich aus geologischer, hydrologischer und ökologischer Sicht beschriebenen Begradigung des Oberrheins, wird die politische Zusammenarbeit mit Frankreich nur kurz erwähnt. Auffällig finde ich auch, dass Balmes beim Lauf des Rheins direkt vom Drachenfels und Bad Godesberg vor die niederländische Grenze bei Rees und Kalkar springt. Gibt es aus der Region zwischen Bonn, Köln, Düsseldorf und Duisburg wirklich nichts Interessantes zu berichten?

Fazit

Insgesamt ist „Der Rhein. Biographie eines Flusses“ von Hans Jürgen Balmes ein lesenswertes Buch mit Stärken bei den Reisebeschreibungen sowie der Geologie und Ökologie des Flusses. Dieser positive Gesamteindruck wird für mich allerdings durch irritierende Brüche in der Struktur und einigen steilen Behauptungen im Inhalt (Schalensteine, Rheingrenze) getrübt. Dagegen sind kleinere Fehler ohne Weiteres verzeihlich, die sich in jedem Werk einschleichen. So heißt der Ort, bei dem Balmes Schwiegervater im Frühjahr 1945 mutmaßlich den Rhein durchschwamm, Hirzenach und nicht „Hirzenbach“ (S. 320).

Daten zum Buch

  • Verlag: S. Fischer
  • Erscheinungsdatum: 28.4.2021
  • Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
  • ISBN-10: 3103974302
  • ISBN-13: 978-3103974300

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